Phase-Gate Prozessentwicklung II

Wie im ersten Artikel beschrieben, hatten sich NASA und das amerikanische Militär das Know-how des Phase-Gate Prozesses angeeignet. Wo hier jedoch starre, lineare Entwicklungen durchaus effektiv waren, kam nun wieder die Wirtschaft zum Zuge.

Die harten Entscheidungen ein Projekt entweder zu beenden oder weiterzuführen, waren jedoch irgendwann nicht mehr zeitgemäß. Mit steigender Komplexität der Projekte und der zunehmenden Involvierung anderer Abteilungen innerhalb einer Firma nahmen Unklarheiten in den Entscheidungen deutlich zu.
Die Marktwirtschaft entwickelte sich inzwischen stärker am Kundenbedürfnis. Der klassische Bastler in seinem Keller, der eine eigene Idee verfolgte, ging oft mit seiner Idee einfach am Kundenbedürfnis vorbei. Somit wurden Leute aus dem Marketing stärker in die Produktentwicklung integriert. Doch welche Ergebnisse gelten hier als Kriterium?

Auch aus dem Bereich Produktion wurden Leute hinzugezogen. Preisdruck und Konkurrenz zwangen zu billigeren Produktionsmethoden, welche möglichst früh umgesetzt werden sollten. Oder sie führten gar zum Scheitern eines Projektes, da die Produktion zu aufwändig war.

Rothwell et al. veröffentlichten 1974 eine als SAPPHO-Studie bekannt gewordene Variante eines Vergleichs zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Technologieunternehmen. Dort wurde vor allem der starke Einfluss des Kundenwunsches deutlich, der über Gelingen oder Nicht-Gelingen einer Entwicklung entscheidet [1][2].

Entwicklungen gingen somit von der starren linearen Ausrichtung fort, hin zu parallel laufenden Projektaufgaben. Eine deutliche Veränderung gegenüber dem first-generation model.

Prozesse_linear_Parallel

 

Wie zeigten sich jedoch diese Veränderungen?

Kundenbefragungen. Das Telefon war inzwischen weit verbreitet. Auch das Herantreten an den Kunden wurde verstärkt praktiziert. Versuchsgruppen wurden gebildet, um Prototypen zu testen und Meinungen einzuholen. Die Unternehmen öffneten sich dieser Vorgehensweise.
Viele Gründungen aus den 1970ern und 1980ern zeigten auch auf, dass tatsächlich Ideen von den Kunden selber umgesetzt wurden. Nicht zuletzt im Computersektor entstanden Firmen wie Apple, welche aus einem Kundenwunsch heraus ein Produkt zur Verfügung stellten. Steve Wozniak ist mit der Entwicklung des Homebrew Computer Club 1976 auf diesen Wunsch eingegangen. Unter dem Namen Apple I vertrieben Steve Wozniak, Steve Jobs und Ronald Wayne dieses Modell.

New_Coke_can

Modifikationen bestehender Produktlinien wurden ebenso implementiert. Unsere heutige Produktvielfalt beruht an sich auf Produktlinienvarianten. Als Beispiel hier Cherry Cola von Coca-Cola, die 1982 vorgestellt wurde. Und der Versuch Cola neu zu definieren. Auch wenn es in diesem Fall ein umgekehrtes Beispiel ist, bei dem durch die Berücksichtigung des Kundenwunsches ein Produkt zurückgenommen wurde: Aufgrund von Blindtests stellte Coca-Cola in den 1980er Jahren fest, dass der Amerikanische Markt auf die süßere Pepsi Cola besser reagierte. Zwar scheiterte der Versuch eine neue Cola mit dem Label „New Coke“ zu etablieren, dennoch ist hier die Orientierung hin zum Kundenwunsch deutlich sichtbar. Nun, Cola kehrte innerhalb kürzester Zeit zurück zur Originalrezeptur. Mit Erfolg!

 

Da sich die Arbeitsweisen in den 1970er und 1980er Jahren immer mehr veränderten, das Grundprinzip der Gates jedoch gleich blieb, werden diese Ansätze von Cooper als second generation models klassifiziert [3].

Inzwischen hatte sich eine größere Varianz in den Gate-Entscheidungen herauskristallisiert. Es gab nicht mehr nur Go/Kill, sondern inzwischen Hold-Kriterien sowie weichere Go-Entscheidungen, wenn untergeordnete Prioritätsaufgaben noch nicht erledigt waren. Zeichnete sich die Lösung eines Problems bereits ab, musste nicht ein gesamtes Projekt auf diese Lösung warten, sondern konnte in unkritischen Bereichen fortgeführt werden.

Wie ging es weiter?

Anfang der 1990er Jahre zeigte sich deutlich, dass erfolgreiche Firmen stark auf kollaboriertes Arbeiten setzten. Ein Projekt war nicht mehr linear, sondern hatte viele parallele Stränge mit Arbeitsgruppen aus den verschiedenen Bereichen. Diese Praxis, welche auch heute noch aktuell ist, werden wir in den nächsten Folgen genauer betrachten.

[1] Rothwell, R.: „The ‚Hungarian SAPPHO‘: some comments and comparisons“, Research Policy, 3:30-38) (1974)
[2] Rothwell, R., Freeman, C., Horsley, A., Jervis, V.T.P., Robertson, A.B., Townsend, J.: „SAPPHO updated: project SAPPHO Phase II“, Research Policy 3: 258-291 (1974)
[3] Cooper, R. G.: „Third-generation new product processes“, Journal of Product Innovation Management 11 (1994)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Phase-Gate Prozessentwicklung II

  1. Pingback: Phase-Gate Prozessentwicklung III | HiFISH Feed

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s